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DS/2006/V

Mehrsprachigkeit bei Informationsbroschüren

1. Dangeleit, Elke 2. Nöll, Oliver

Die Bezirksverordnetenversammlung möge beschließen:

1. Alle vom Bezirk herausgegebenen mehrsprachigen Informationsbroschüren und Flyer über Hilfs-, Bildungs-, Kulturangebote etc. dürfen sich nicht mehr an der Staatsangehörigkeit der Bürger*innen mit Migrationsgeschichte orientieren, sondern an der Muttersprache unserer Bürger*innen im Bezirk. Dabei sind insbesondere die kurdische Sprache und die Sprache Romani der Roma und Sintis zu berücksichtigen.
 

2. Auch andere, hier nicht aufgeführte, Sprachen müssen berücksichtigt werden, wenn sie eine relevante Größe der Bevölkerung unseres Bezirks darstellen. Wir beauftragen das Bezirksamt, eine Liste relevanter Sprachen zu erstellen.
 

3. Das Bezirksamt wird beauftragt, sich beim Senat dafür einzusetzen, dass das Land Berlin ebenfalls die Orientierung an der Muttersprache aufgreift.

 

Begründung:

20,7% Menschen aus der Türkei leben laut statistischem Jahrbuch 2019 in unserem Bezirk. Davon ist ein nicht unerheblicher Teil kurdischer Herkunft. Genaue Zahlen gibt es nicht, da das ‚Ausländerzählregister‘ der Bundesregierung nur die Staatszugehörigkeit erfasst, aber nicht ihre ethnische Zugehörigkeit.

Der Anteil der Bürger*innen in unserem Bezirk aus dem arabischsprachigen Raum betrug 2019 immerhin 9,4%. Auch hier wurde die ethnische Zugehörigkeit nicht erfasst. Wir können aber davon ausgehen, dass unter den ‚Arabern‘ sich viele Kurd*innen subsumieren, die aus Syrien, Irak und dem Iran geflüchtet sind.

Die Kurd*innen zählen mit 35 – 40 Millionen Menschen als die weltweit größte Volksgruppe ohne Staat. Die jahrzehntelange Geschichte der Unterdrückung dieses Volkes in ihren Herkunftsländern wurde und wird in Deutschland ignoriert. Man ist davon ausgegangen, dass es ausreichend sei, diese Menschen bei uns in der Sprache ihres Staates zu informieren. Das mag für assimilierte Kurd*innen stimmen. Aber für die Opfer von Diskriminierung, Verfolgung und Vertreibung ist es eine tägliche Diskriminierung und teilweise auch Traumatisierung, in der Sprache ihrer Peiniger (dies ist z.B. bei den Ezid*innen der Fall) kommunizieren zu müssen.

Ähnlich verhält es sich bei den Roma und Sinti. Ihre Sprache, die praktisch vom Aussterben bedroht ist, wird überhaupt nicht wahrgenommen. Aber selbst Informationen in Rumänisch sind kaum im Bezirk vorhanden.

Die UNESCO fordert seit Jahren die Förderung der Herkunftssprachen, da diese Ausdruck kultureller Identität sind. Wissenschaftler*innen mahnen, dass das Verschweigen einer Sprache zu Identitätskonflikten führen kann. Daher sollte die 2. Sprache unbedingt die Herkunftssprache sein.

Um diesem Ziel etwas näher zu kommen, plädieren wir dafür, dass künftig bei allen mehrsprachigen Broschüren und Flyern vom Bezirk und auch von den Senatsverwaltungen mindestens die kurdische Sprache ‚Kurmandschi‘ und die romanische Sprache ‚Romani‘‘ mit aufgenommen werden.

Drucksache beim Bezirksamt
 


Bezirkszeitung

klar.links - Ausgabe November/Dezember 2021